Problemfeld (6) – Fehlentwicklungen auf dem Arbeitsmarkt

Eine eigene Existenzsicherung, durch eine erfolgreiche Selbstständigkeit oder ein Beschäftigungsverhältnis mit akzeptabler Arbeitsqualität für jeden Menschen im erwerbsfähigen Alter, ist eines der wichtigsten wirtschaftspolitischen Ziele einer nachhaltigen Wirtschaft. Die Entwicklungen in diesem Problemfeld stellen wir anhand der Indikatoren Erwerbslosigkeit, Arbeitsqualität, Arbeitseinkommen und Kinderarbeit dar.

Erwerbslosigkeit

Die globale Erwerbslosigkeit bleibt in absoluten Zahlen seit 2009 unverändert hoch. Sie ist im Jahr 2020 erneut auf über 190 Mio. Erwerbslose gestiegen. Die ILO prognostiziert einen weiteren Anstieg auf 200 Mio. bis zum Jahr 2023. Die Analyse der Erwerbslosenquote lässt allerdings eine differenzierte Betrachtung zu. Seit 2011 schwankt sie zwischen 5,8 % und 5,4 % (ILO 2020: 90-91). Dabei werden sehr viele Menschen in den Entwicklungsländern, die einer kaum existenzsichernden selbstständigen Tätigkeit nachgehen, nicht mitgezählt.

Die Zahl der Erwerbslosen in Deutschland betrug im Jahr 2019 nach EU-Statistik 1,4 Mio. Menschen (3,1 % der Erwerbspersonen). Sie hat damit seit 2008 um 1,8 Mio. abgenommen. Dies ist zum Teil auf die sehr hohen Exportüberschüsse zurückzuführen (die zu erwerbslosen in anderen Ländern führen). In der EU 27 waren 2019 14,2 Mio. Menschen erwerbslos (6,7 %; Eurostat: TPS00203).

Die Langzeitarbeitslosenquote in Deutschland und in der EU 27 sinkt seit 2014 kontinuierlich. Im Jahr 2020 betrug die Quote in Deutschland 1,1 % und in der EU 27 2,4 %. Dabei sind in der EU 27 mehr Frauen (2,5 %) als Männer (2,3 %) betroffen (Eurostat: SDG_08_40). Weltweit war das Geschlechtergefälle der Erwerbsarmut fast beseitigt, die Auswirkungen der Covid 19 Pandemie betreffen aber überproportional mehr Frauen und dürfte diese Unterschiede noch verschärfen (UN 2020: 24).

Als Graphik hier verfügbar:

SDG 08_40 Langzeitarbeitslosenquote

Und als Datensatz hier:
https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/sdg_08_40/default/table?lang=de

Bewertung

Die Arbeitslosenquote ist für junge Menschen höher und betrug im Jahr 2019 weltweit 13,6 % der jungen Menschen, aber nur 4,0 % der Erwachsenen (UN 2020: 41). Diese Entwicklung wurde durch die Pandemie verstärkt und überproportional viele Jugendliche (8,7 %) und Frauen (5 %) verloren im Jahr 2020 ihre Arbeitsplätze. Im Vergleich dazu verloren 3,9 % der Männer ihre Stellen (UN 2021: 42). Dadurch verstärkt sich auch die geschlechterspezifische Ungleichheit weiter (siehe Problemfeld (13)).

Arbeitsqualität

Für die EU 27 und Deutschland liegen Zahlen zu den durch Arbeitsunfälle getöteten Personen vor. So starben im Jahr 2010 2,31 Personen (je 100.000 Erwerbstätige) während der Arbeit. Diese Zahl sank bis 2018 auf 1,77. In Deutschland sanken die Zahlen von 1,2 im Jahr 2010 auf 0,78 im Jahr 2018 (Eurostat: SDG_08_60). Dies kann als Beleg für die wirksamen und hohen Arbeitssicherheitsstandards in Deutschland gelten.

Als Graphik hier verfügbar:

SDG 08_60 Durch Arbeitsunfälle getötete Personen

Und als Datensatz hier:
https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/sdg_08_60/default/table?lang=de

Seit 2011 nimmt der Anteil der Normalarbeitsverhältnisse (sozial¬versicherungs¬pflichtig, unbefristet mit mindestens 21 Wochenarbeitsstunden, keine Zeitarbeit) in Deutschland zu. Dennoch waren 19,5 % der Kernerwerbstätigen im Jahr 2019 atypisch beschäftigt. Allerdings ist unter den Nicht-EU-Ausländer:innen (34 %) und den EU-Ausländer:innen (27 %) eine wesentlich höherer Anteil von atypischer Beschäftigung betroffen (Destatis 2020b).

Weltweit haben Beschäftigte, besonders in Covid 19 Pandemie Zeiten ein Anrecht auf sich am Arbeitsplatz sicher zu fühlen. 9 von 71 Ländern, meldeten jedoch mehr als 10 arbeitsbezogene Unfälle pro 100.000 Beschäftigter, mit einem überproportional hohem Anteil an Migrant:innen als Geschädigten (UN 2020: 41).

Bewertung

Negative Trends zeigen sich auch bei der Entwicklung der Arbeitsqualität. Seit den 1990er Jahren ist eine tendenzielle Verschlechterung der Situation der Arbeitnehmenden in den Industrieländern als Reaktion auf den schärferen Wettbewerb eines zunehmend globalisierten Arbeitsmarkts feststellbar. Hierzu gehören für einige Länder die Stagnation oder Senkung der Arbeitsentgelte (Ausnahme Deutschland) und sozialen Sicherungen (Kündigungsschutz, Arbeitslosengeld, Renten usw.), zunehmende Einkommensungleichheiten (siehe Problemfeld (13)) und atypische Beschäftigungsverhältnisse (Befristung, Teilzeitbeschäftigung bis 20 Stunden Wochenarbeitszeit, Zeitarbeits¬verhältnisse und geringfügige Beschäftigung). Im Zuge der Verlagerung von Produktionsstätten in die Schwellen- und Entwicklungsländer sind dort zwar neue Arbeitsplätze entstanden, diese weisen aber häufig einen geringen Standard auf (Sozial- und Ökodumping). Beispielhaft sind die Arbeitsbedingungen in der südasiatischen Textilindustrie, die zuletzt gehäuft in tödlichen Unfällen endeten und die prekären Verhältnisse in der Elektronikindustrie in den Freihandelszonen der VR China.

Arbeitseinkommen

Weltweit steigt seit 2013 steigende Zahl der prekär Beschäftigten, engl. vulnerable employment. Sie liegt seit Jahren bei rund 1,4 Mrd. Menschen, wobei die ILO aktuell insgesamt rund 2 Mrd. Menschen informell beschäftigt sind, also keinen richtigen Arbeitsvertrag haben (ILO 2020: 12). Die extreme Erwerbsarmut (weniger als 1,90 USD am Tag) und die gemäßigte Erwerbsarmut (zwischen 1,90 USD und 3,10 USD am Tag) nehmen insgesamt ab, allerdings lebten im Jahr 2019 noch immer 630 Mio. Erwerbstätige in absoluter oder gemäßigter Armut. Dies entspricht einem Fünftel aller Erwerbstätigen weltweit (ILO 2020: 20).

Europaweit steigt die Armutsgefährdungsquote von Erwerbstätigen. Darunter fallen Erwerbstätige, die über weniger als 60 % des nationalen Medianeinkommens verfügen. Dies betraf in der EU 27 im Jahr 2019 9,2 % der Erwerbstätigen, das ist fast 1 % mehr als 2010. 2019 waren in Deutschland 8,0 % arm trotz Erwerbsarbeit. Seit 2005 ist ihr Anteil um mehr als 3 % gestiegen. Die Covid 19 Pandemie verschärft dies, so ist in Deutschland der Anteil der armutsgefährdeten Erwerbstätigen auf 10,6 % gestiegen (Eurostat: SDG_01_41).

Als Graphik hier verfügbar:

SDG 01_41 Armutsgefährdungsquote von erwerbstätigen Personen

Und als Datensatz hier:
https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/sdg_01_41/default/table?lang=de

Durch die Covid 19 Pandemie dürfte die Erwerbsarmut deutlich gestiegen sein. Im April 2020 waren weltweit ca. 81 % der Arbeitgebenden und 66 % der Selbständigen von Betriebsschließungen betroffen (UN 2020: 24).

Für Deutschland liegen außerdem Zahlen zu den Niedriglohnempfängern vor. Ihre Anzahl ist von 7,6 Mio. im Jahr 2014 auf 8,0 Mio. im Jahr 2018 gestiegen. Zum Niedriglohnbereich zählen alle Beschäftigungsverhältnisse, die mit weniger als zwei Drittel des Medianlohns (also weniger als 11,05 € pro Stunde) entlohnt werden (Destatis 2020a).

Bewertung

Die globalen Arbeitseinkommen sind sehr unterschiedlich. Überall wo die Arbeitslosigkeit besonders hoch ist, existiert ein dauerhafter Druck auf das Lohnniveau. In den betroffenen Ländern nehmen die Reallöhne kaum noch zu. Der Anteil der weltweiten Erwerbstätigen die in extremer Armut leben (weniger als 1,90 USD/Tag) hat sich seit dem Jahr 2010 auf 7,1 % halbiert. Seit 2013 hat sich dieser Rückgang jedoch verlangsamt. Durch die Covid 19 Pandemie war zuletzt ein Anstieg der Erwerbsarmut zu beobachten, die vor allem junge Menschen stärker betrifft (UN 2020: 24). Insgesamt führte die Pandemie zum Verlust des Äquivalents von 255 Mio. Vollzeitstellen (UN 2021: 15).

Kinderarbeit

Kinderarbeit wird definiert als eine Tätigkeit, die Kindern ihre Kindheit und Würde raubt. Dies beinhaltet Tätigkeiten welche psychisch, physisch oder moralisch für Kinder gefährdend sind und / oder mit ihrer Schulausbildung interferiert und sie vom Besuch der Schule abhält oder sie zu einem frühen Abbruch der Schulausbildung zwingt (ILO 2021b). Die schlimmsten Formen der Kinderarbeit sind in Artikel 3 der ILO Konvention Nr. 182 beschrieben und umfassen Sklaverei, Prostitution und illegale Tätigkeiten (ILO 2021a).

Nach dem aktuellen Bericht der ILO und UNICEF arbeiteten zu Beginn des Jahres 2020 insgesamt 160 Mio. Kinder. Davon verrichteten, fast die Hälfte, 79 Mio. Kinder gefährliche Tätigkeiten (ILO and UNICEF 2021: 8). Der größte Anteil der Kinderarbeit (72 %) findet in Familien statt, selbst hier sind die Kinder gefährlichen Tätigkeiten ausgesetzt (ILO and UNICEF 2021: 9). Schulschließungen durch die Covid 19 Pandemie bergen zusätzliche Risiken für Kinder. Schulschließungen können u.a. zu einer erhöhten Kinderarbeit führen vor allem durch den Druck Einkommenseinbußen auszugleichen (UN 2020: 33). Ein Bericht der ILO und UNICEF prognostiziert, dass bis zum Jahr 2022 weitere 8,9 Mio. Kinder einer Erwerbstätigkeit nachgehen um durch die Covid 19 Pandemie ausgelöste Armut zu begegnen (ILO and UNICEF 2021: 8).

Die ILO schätzt die Zahl der Menschen, die von moderner Sklaverei betroffen sind auf 40 Mio., darunter 25 Mio. in Zwangsarbeit und 15 Mio. in Zwangsheirat. Rund die Hälfte der modernen Sklaven lebt in Schuldknechtschaft, ein Viertel von ihnen sind Kinder. Etwa 10 % werden von Staat oder Militär (z.B. in Staatsunternehmen in Gefängnissen) zur Arbeit gezwungen werden (ILO 2017: 5, 39).

Bewertung

Der Prozentuale Anteil der Kinder in Kinderarbeit ist seit 2016 gleichgeblieben, jedoch ist die absolute Anzahl um 8 Mio. Kinder gestiegen. Ähnlich hat sich der Anteil der Kinder die einer gefährlichen Tätigkeit nachgehen nicht verändert, die Gesamtzahl hat sich jedoch um 6,5 Mio. Kinder erhöht (ILO and UNICEF 2021: 8). Durch die Covid 19 Pandemie drohen bis Ende2022 weiteren 8,9 Mio. Kinder in die Kinderarbeit gedrängt zu werden (UN 2021: 58).

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Literatur

ILO – International Labour Organization (2020): Trends 2020. World Employment and Social Outlook. Geneva.

ILO – International Labour Organization (2017): Results and trends, 2012-2016. Global estimates of child labour. Geneva.

International Labour Office and United Nations Children’s Fund (2021): Child Labour: Global estimates 2020, trends and the road forward. New York.

International Labour Organization (2021a): Convention C182 – Worst Forms of Child Labour Convention, 1999 (No. 182). URL: https://www.ilo.org/dyn/normlex/en/f?p=NORMLEXPUB:12100:0::NO::P12100_ILO_CODE:C182 (gesehen am: 17.10.2021).

International Labour Organization (2021b): What is child labour (IPEC). URL: http://www.ilo.org/ipec/facts/lang–en/index.htm (gesehen am: 17.10.2021).

UN – United Nations (2021): The Sustainable Development Goals Report 2022.

UN – United Nations (2020): The Sustainable Development Goals Report 2020.